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KKW Gösgen: Rückblick auf den längeren Stillstand

Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI hat am 23. März 2026 dem Kernkraftwerk (KKW) Gösgen die Freigabe zum Wiederanfahren erteilt. Das ENSI hat die erforderlichen Nachweise des KKW Gösgen erhalten, geprüft und gutgeheissen. Im Interview kommt Ralph Schulz, Mitglied der Geschäftsleitung des ENSI und verantwortlich für den Bereich Sicherheitsanalysen, auf die letzten Monate zurück und erläutert den längeren Stillstand.

Ralph Schulz, Mitglied der Geschäftsleitung des ENSI und verantwortlich für den Bereich Sicherheitsanalysen

Herr Schulz, das KKW Gösgen darf nach einem Stillstand von zehn Monaten wieder Strom produzieren. Wieso stand das KKW so lang still?

Der Grund dafür ist ein Vorkommnis, über welches das ENSI im März 2025 informiert wurde. Das KKW Gösgen teilte dem ENSI mit, dass es im Rahmen von Modernisierungsarbeiten Anhaltspunkte für eine mögliche Schwachstelle im Speisewassersystem festgestellt hatte. Diese Schwachstelle könnte Auswirkungen auf die sichere Beherrschung von Brüchen in einer Speisewasserleitung der Anlage haben. Das KKW Gösgen musste daher nachweisen, dass der Störfall «doppelendiger Bruch einer Speisewasserleitung», welcher der Auslegung der Anlage zugrunde liegt, mit den Sicherheitssystemen noch beherrscht wird. In diesem Zusammenhang hat sich das KKW Gösgen entschieden, das Werk nachzurüsten und die drei ungedämpften Rückschlagklappen im Speisewassersystem durch gedämpfte Rückschlagventile zu ersetzen. Zudem wurden verschiedene Rohrleitungshalterungen ertüchtigt.  Deswegen dauerte der Stillstand der Anlage so lange.

Worum ging es bei dieser möglichen Schwachstelle?

Man muss es sich vereinfacht so vorstellen: Nachdem der Frischdampf aus den Dampferzeugern die Turbinen des KKW Gösgen angetrieben hat, wird er im Kondensator wieder verflüssigt und dem Speisewasserbehälter zugeführt. Von dort wird das Speisewasser nach einer Vorwärmung wieder zu den drei Dampferzeugern geleitet. So schliesst sich der Wasser-Dampf-Kreislauf. Die drei erwähnten Rückschlagklappen befinden sich jeweils kurz vor den drei Dampferzeugern. Bei einem Bruch im Speisewassersystem schliessen die Klappen schlagartig und isolieren den Dampferzeuger von der Bruchstelle. Anschliessend können Sicherheitssysteme die Dampferzeuger kühlen, ohne dass Kühlwasser über die Leckstelle verloren geht.

Und wo lag die Schwachstelle?

Bei der ursprünglichen Planung und Realisierung, also der sogenannten Auslegung des Kraftwerks, wurde – neben zahlreichen anderen denkbaren Störfällen – ein Störfall mit Bruch einer Speisewasserleitung postuliert, der mit den Sicherheitssystemen beherrscht werden muss. Dieser Störfall – ein sogenannter Auslegungsstörfall – ist zwar sehr unwahrscheinlich, kann aber nicht ausgeschlossen werden. Die erwähnten Rückschlagklappen schliessen nach dem Bruch automatisch aufgrund des Druckabfalls. Wenn sie aber zu schnell schliessen, kann ein Druckstoss in den intakten Teilen der Rohrleitungen verursacht werden. Dieser Stoss kann zu Überlastungen und Schäden an Rohrleitungshalterungen und damit der Rohrleitung selbst führen. Im ungünstigsten Fall kann eine Situation eintreten, bei der die Bespeisung der Dampferzeuger mit den Sicherheitssystemen nicht mehr möglich und die Kühlung des Reaktors gefährdet ist. Das kerntechnische Regelwerk der Schweiz verlangt, dass Auslegungsstörfälle sicher, d.  h. auch unter der Annahme ungünstiger Randbedingungen, beherrscht werden müssen. Dies auch, wenn sie äusserst selten zu erwarten sind. Deswegen musste das Werk die entsprechenden Nachweise einreichen und diese mussten vom ENSI akzeptiert werden.

Also konnte das KKW Gösgen mit den jetzt neuen drei eingebauten gedämpften Rückschlagventilen beweisen, dass es dieses sehr seltene Szenario eines Bruches einer Speisewasserleitung und seine möglichen Auswirkungen beherrscht?

Das ist korrekt. Es ist auch wichtig zu ergänzen, dass es grundsätzlich zwei Möglichkeiten gibt, die genannten Überlastungen zu verhindern. Man kann gedämpfte Rückschlagklappen oder Rückschlagventile, die durch eine Verzögerung des Schliessvorgangs die Höhe des Druckstosses abmildern, einsetzen oder die Rohrleitungshalterungen werden ausreichend robust ausgeführt, um so die durch den Druckstoss verursachten Kräfte ohne Schäden aufnehmen zu können.

Die neuen Erkenntnisse beim KKW Gösgen haben gezeigt, dass die kontinuierliche Überprüfung nach dem gegenwärtigen Stand von Wissenschaft und Technik Anwendung findet und funktioniert.
Ralph Schulz, Mitglied der Geschäftsleitung des ENSI und verantwortlich für den Bereich Sicherheitsanalysen

Diese zweite Variante hatte das KKW Gösgen gewählt, im Unterschied zu den anderen Kernanlagen Leibstadt und Beznau, die viel früher gedämpfte Rückschlagklappen eingebaut haben. Die Ertüchtigung des KKW Gösgen reichte aber nicht mehr aus, warum?

In der öffentlichen Stellungnahme zur periodischen Sicherheitsüberprüfung (PSÜ) des KKW Gösgen von 1998 wies die Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen (HSK), also die Vorgängerorganisation des ENSI, darauf hin, dass im KKW Gösgen keine gedämpften Rückschlagklappen verwendet werden. Die HSK forderte vom KKW Gösgen den sicherheitstechnischen Nachweis, dass gedämpfte Speisewasser-Rückschlagklappen nicht erforderlich sind. Auf Grundlage der damaligen Randbedingungen erbrachte das KKW Gösgen den geforderten Nachweis durch Ertüchtigungen. Das Werk verbesserte die Rohrleitungshalterungen, indem es verschiedene Stossbremsen durch stärkere austauschte. Das ENSI bestätigte in der sicherheitstechnischen Stellungnahme zur PSÜ 2008 des KKW Gösgen die Schliessung dieser Pendenz.

Heisst das denn, dass das KKW Gösgen bis anhin eine unsichere Kernanlage war?

Nein, ganz und gar nicht. Das KKW Gösgen hat in all diesen Jahren die bewilligten Betriebsbedingungen eingehalten und wurde laufend modernisiert. Aus risikotechnischer Sicht wurde die Anlage in einem zulässigen Bereich, d. h. mit genügend kleiner Kernschadenshäufigkeit, betrieben. Die neuen Erkenntnisse ergaben sich aus der Anwendung neuer Berechnungsmethoden und verfeinerter Berechnungsmodelle, welche heute aufgrund grösserer Rechenkapazitäten von Computern zur Verfügung stehen. Der hier diskutierte Störfall ist sehr unwahrscheinlich. Nichtdestotrotz stellt seine Beherrschung eine Grundlage für die sicherheitstechnische Auslegung der Anlage dar und muss gemäss Regelwerk sicher beherrscht werden.

Dies ist nicht so einfach zu verstehen …

Die Aufsicht über die Schweizer Kernanlagen berücksichtigt den aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik für die laufende Überprüfung und Erhöhung der Sicherheit. Diese dynamische Aufsichtspraxis fördert die Sicherheit der Kernanlagen, indem bessere Standards umgesetzt werden müssen, sobald sie etabliert sind. Es ist ein Prozess. Daher hat ein Nachweis Bestand, solange weder dem Betreiber eines Kernkraftwerks noch der Aufsichtsbehörde neue Erkenntnisse vorliegen, die diesen zuvor akzeptierten Nachweis in Frage stellen. Genau das ist passiert, als die nach dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik vom KKW Gösgen eingesetzten neuen Berechnungsmethoden und verfeinerten Berechnungsmodelle zeigten, dass das Werk eine Schwachstelle hat. Der ursprüngliche Nachweis hatte keinen Bestand mehr und das Werk musste Massnahmen ergreifen. Die neuen Erkenntnisse beim KKW Gösgen haben gezeigt, dass die kontinuierliche Überprüfung nach dem gegenwärtigen Stand von Wissenschaft und Technik Anwendung findet und funktioniert.

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